10.02.2017

Krefelder Blei schirmt Tschernobyl-Reaktor ab

Röhr+Stolberg vollendet Vorzeigeprojekt für Nuklearindustrie

Krefeld, 10. Januar 2017. Gut 30 Jahre nach der weltgrößten Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ist eine gigantische Hülle über den Unglücksort geschoben worden. Sie wird die radioaktive Strahlung für die nächsten 100 Jahre in Schach halten. Darunter wird die noch immer strahlende Ruine abgerissen und der Atommüll herausgeholt. Der Krefelder Bleiverarbeiter Röhr + Stolberg GmbH fertigte und lieferte 500 Tonnen Bleiprofile sowie Sandwichplatten für das internationale Großprojekt New Safe Confinement (NSC).

Rund 180.000 Tonnen strahlendes Material lagern noch in den Ruinen des Reaktors 4, darunter die besonders riskanten Elemente Uran und Plutonium, notdürftig eingemauert in einem rissigen Behelfssarkophag aus Stahl und Beton. Das Blei „made in Krefeld“ schirmt die unberechenbare Strahlung ab, wenn künftig der restliche Atommüll aus dem Reaktor geholt und das Kraftwerksgebäude abgerissen wird. Weil das Strahlungsniveau überall unterschiedlich ist, fußen die theoretischen Berechnungen des nötigen Strahlenschutzes auf der Strahlungsmenge, die ausgetreten ist, nachdem der alte Sarkophag geöffnet wurde. Zur Bestimmung der erforderlichen Bleistärke wurden großzügige Sicherheiten eingerechnet, sodass alle Arbeiten am NSC zu jedem Zeitpunkt innerhalb international gültiger Grenzwerte durchgeführt werden können: Je nach berechnetem Strahlungsniveau wurden Bleistärken von 4 bis 35 Millimetern verbaut.

Vom Design der Bleiplatten und Profile über die Fertigung und Lieferung bis zur Montagebegleitung leistete Deutschlands führender Bleiverarbeiter einen wesentlichen Beitrag für die Errichtung der Schutzkuppel. Konkret bestand die Aufgabe in der Abschirmung einer Wartungsgarage in der nordwestlichen Ecke des Bauwerks. Grundsätzlich sollten die Arbeiter schwindelfrei sein: Die selbst 20 Meter hohe Krangarage befindet sich in luftiger Höhe von 60 bis 80 Metern. Vom Fahrstuhl in der mittleren Westwand des NSC aus laufen in 76 Metern Höhe teilweise abgeschirmte „Walkways“ und verbinden unterschiedliche Bereiche miteinander.

Blei für das größte mobile Landbauwerk der Erde
Das Projekt der Superlative stellte die Fertigungsfähigkeiten und Logistik des 150-Mann-Betriebs Röhr + Stolberg auf eine harte Probe: Das NSC ist das größte mobile Landbauwerk der Erde. Die neue Abschirmung samt technischer Ausstattung ist 36.000 Tonnen schwer, 257 Meter breit, 162 Meter lang und 108 Meter hoch. Der Bau wird Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern standhalten, Erdbeben der Stärke sechs trotzen und Temperaturen zwischen minus 30 und plus 50 Grad vertragen.

So ambitioniert wie das Projekt gestaltete sich auch die Auftragsabwicklung für das ausschließlich in Deutschland fertigende Unternehmen Röhr + Stolberg. „Wir haben die besonderen Anforderungen an die Logistikkette bis zur Anlieferung auf der Baustelle mit Bravour gemeistert“, freut sich der verantwortliche Diplom-Ingenieur Diemo Schallehn. Rund 15.000 Bleiprofile mit einem Einzelgewicht von etwa 25 Kilogramm wurden eingebaut – jedes einzeln gekennzeichnet. Zusätzlich wurden Sandwichplatten als abschirmender Bodenbelag auf einer Fläche von rund 300 Quadratmetern ausgelegt, in einigen Fällen auch an den Wänden befestigt. Jede quadratische Platte hat eine Kantenlänge von einem Meter und wiegt 250 Kilogramm. Zwischen beidseits zehn Millimetern Stahl liegt ein zwölf Millimeter starker Kern aus Blei. Besonders die in der Krangarage verlegten Sandwichplatten mussten besonders hohe Anforderungen erfüllen. Die Strahlendichtigkeit wurde durch die labyrinthartige Verzahnung der Bauteile erreicht. Ölbeständige Dichtungen und spezielle Unterlegscheiben schieben gleichzeitig Wasser und Öl einen Riegel vor. Darüber hinaus musste die gesamte Konstruktion sehr belastbar sein: Selbst vollbeladene Gabelstapler mit einem Gewicht von fünf Tonnen müssen darüber fahren können, ohne Schaden anzurichten. Flüssigkeiten, die während der Wartungsarbeiten austreten, werden in Auffangwannen aufgenommen, die in den Boden eingelassen sind.

Flexible Leistung auf strikte Vorgaben
Die Krefelder greifen bei derart komplexen Projekten auf ein tragfähiges Netzwerk nationaler und internationaler Partnerunternehmen zurück. „Bereits in der Projektierungsphase haben wir zusammen mit unserem Kunden Novarka, dem Baukonsortium des NSC und Kollegen unserer französischen Schwesterfirma D’Huart Industries vielschichtige Lösungen für Fragen der Sicherheit, Montage- und Wartungsfreundlichkeit entwickelt“, so Schallehn. „Nur um ein Beispiel zu nennen, haben wir einzelne Schlusssteine des Bodens so konstruiert, dass sie unabhängig entnommen werden können, um die darunter liegenden Stahlträger fernhantiert inspizieren zu können.“ Grundsätzlich musste das Unternehmen im Laufe des anderthalbjährigen Projektes höchst flexibel auf die ständig wechselnden Anforderungen an seine Abschirmungslösungen reagieren. „Wir standen im ständigen Dialog mit dem Kunden und konnten Änderungen stets zeitnah dank unseres gut gepflegten Nachtragsmanagements umsetzen. Die Mitarbeiter von Röhr + Stolberg sind stolz, so einen kleinen Teil zum Erfolg des NSC beigetragen zu haben.“

Erfolgsfaktor Wirtschaftsraum Niederrhein
Der Großteil der Fertigung erfolgte im Werk in Krefeld-Linn. Aber bevor es zum eigentlichen Gießen, Walzen, Extrudieren und schließlich zur Vormontage der Bleielemente kommen konnte, waren viele vorbereitende Schritte notwendig: Das Unternehmen führte umfangreiche Strahlenschutzrechnungen durch, lieferte Nachweise der Baustatik, legte Fertigungs-und Prüfanweisungen fest und organisierte eine lückenlose Logistik. Damit der Bau die Strahlung auch tatsächlich einschließt, waren höchste Qualitätskontrollen einzuhalten und zu dokumentieren. Deshalb kann bei jedem verbauten Einzelteil zurückverfolgt werden, wann es bei Röhr + Stolberg oder einem seiner zertifizierten Unterlieferanten aus der Region hergestellt wurde. „Bei dem Projekt haben wir in besonderer Weise von der Vielfalt und Dichte der angesiedelten Industrie und Logistik profitiert.
Weitere Informationen gibt es bei:

Röhr + Stolberg GmbH
Bruchfeld 52
47809 Krefeld
www.roehr-stolberg.de
Ansprechpartner: Robert Pichel
Agentur BLUE MOON CC GmbH
Telefon: +49 (0) 2131 / 6 61 56 - 57
Fax: +49 (0) 2131 / 6 61 56 - 66
Email: r.pichel@bluemoon.de
www.bluemoon.de

500 Tonnen haargenau in Form gebrachtes Blei lieferte das Krefelder Unternehmen Röhr + Stolberg für die neue Ummantelung des Unglücksreaktors nach Tschernobyl. Das Blei wird Mensch und Umwelt vor der Strahlung beim Rückbau der Ruinen schützen. Foto: © Röhr + Stolberg

Rund 80 Quadratmeter Sandwichplatten wurden auf den teilweise abgeschirmten Walkways in 76 Metern Höhe verlegt. Sie verbinden den Fahrstuhl in der mittleren Westwand des NSC mit den unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Foto: © Röhr + Stolberg

Links im Bild „Walkway Nr.4“ mit einem kleinen abgeschirmten Kontrollraum für die Steuerung des gelben Krans. Die dreieckige Werkzeugplattform rechts wird später mit Werkzeugen ausgestattet, mit deren Hilfe der Reaktor zerlegt werden kann. Foto: © Röhr + Stolberg

Bleiprofile trennen die Arbeiter von der gefährlichen Strahlung, die immer noch unvermindert von den 180.000 Tonnen ungeborgenem Reaktorschutt ausgeht. Foto: © Röhr + Stolberg

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